Hier dürft ihr sein, wer ihr seid. Immer, wenn ich darüber nachdenke, dass gesunde Kinder mit Down Syndrom in späten Schwangerschaftswochen abgetrieben werden, gruselt es mich so sehr. Nun habe ich einige dieser Kinder gesehen. Aus Versehen bei Twitter. Ich hatte mal wieder den Hashtag „Down Syndrom“ kontrolliert.
Das mache ich regelmäßig und dann kontaktiere ich die Menschen, die zum Beispiel schreiben „Du siehst aus wie ein Hund mit Down Syndrom“. Für viele ist der Begriff ein Synonym für lächerliche Hässlichkeit, sie verwenden ihn genau um diese zu beschreiben. Ich schreibe diese Menschen dann an, erzähle ihnen, dass meine Tochter mit Trisomie 21 zuckersüß ist und ich mich freuen würde, wenn sie den Begriff nicht in dieser negativen Art verwenden würden. Die meisten entschuldigen sich und löschen die Posts. Es klappt besonders gut, wenn ich weder ironisch noch böse darauf hinweise, sondern freundliche aufkläre. Das fällt mir nicht leicht. Am liebsten würde ich wüten.
Unauslöschlich haben sich die Bilder der Kinder eingebrannt, die wegen des Down Syndroms abgetrieben wurden. Vorher waren sie eine Tatsache, eine Zahl, um die ich wusste, die mich wahnsinnige machte, die ich aber aushalten wollte. Es bleibt uns ja nichts anderes übrig. Ich stecke nicht in der Haut dieser Menschen, ich weiß es fällt den meisten alles andere als leicht. Es ist eine Tatsache: Neun von zehn Kindern mit der Diagnose Down Syndrom werden abgetrieben. Obwohl sie lebensfähig wären. Dazu kommt, dass einige von ihnen nicht einmal Trisomie 21 haben. Denn der NIPT liefert auch falsche Ergebnisse. Mittlerweile wurden die Bilder gelöscht. Kein Wunder, Fotos von toten Kindern widersprechen jeder Regel der sozialen Medien. Richtig so! Oder doch nicht? Vielleicht sollten diese Kinder gesehen werden. Die meisten von ihnen waren gesund, sie hatten einen kräftigen Herzschlag, der mit Kalium gestoppt werden musste. Damit sie auch ganz sicher tot zur Welt kommen. Ansonsten drohen Komplikationen. Ärzte müssen dann eventuell haften, ungewolltes Leben retten und erhalte und Eltern stehen da, mit einem Kind, dass sie nicht wollten. Ich frage mich dann: Wollten sie wirklich dieses Kind nicht, oder die Vorstellung von einem Leben mit diesem Kind?
Ich mache eine weitere bescheuerte Sache und die auch noch regelmäßig. Ich lese in Schwangerschaftsforen Threads zum Thema NIPT (Bluttest) und zusätzlichen Vorsorgeuntersuchungen. Da wundert mich vor allem eins: Wie konnte der Bundestag es zulassen, dass der NIPT unter bestimmten Voraussetzungen von den Krankenkassen übernommen wird? Denn die Einträge in den Foren zeigen viels, nur wenig medizinische Gründe. Sie zeigen Freude darüber, dass der Test endlich übernommen wird. Für alle. Ja, ja, für alle. Ist es nicht toll, das Geschlecht so einfach erfahren zu können? Und auf diese Trisomien wird auch getestet, echt praktisch. Ist der Test negativ, dann lässt sich die Schwangerschaft erst so richtig genießen, denn dann ist ja alles gut, das Kind ist auf jeden Fall gesund!! Puh, endlich wieder ruhig schlafen. Ach, der Test wird nur auf ausdrückliche Empfehlung des Arztes übernommen? Wenn ein Verdacht vorliegt? Macht nix, mein Arzt kreuzt das einfach so an oder ich bin ja im Risikoalter, kein Problem. Wenn alle Stricke reißen, lassen wir den Bluttest über das Bonus-Budget laufen. Für die Kassen eine klare Kosten-/Nutzenrechnung. Ein abgetriebenes Kind kommt viel günstiger als ein lebendes behindertes Kind. Vor ein paar Tagen traute sich eine Mutter zu berichten, dass sie ihr Kind mit T21 hat abtreiben lassen. Sie war sehr traurig. Diese Entscheidung fiel ihr nicht leicht. Und ich war wie immer nur verzweifelt. Wie um Himmels Willen lässt sich diese Entwicklung stoppen?
Reicht denn Aufklärung aus? Helfen süße Bilder von Lille, Tipps und Tricks? Ich weiß, dass es sich nicht gehört, aber am liebsten möchte ich allen Müttern ein unmoralisches Angebot machen. Den Müttern, die sich bewusst ein Kind gewünscht hatten und nun speziell vor diesem Kind Angst bekommen haben. Ihnen würde ich gerne sagen: Bekommt es, dieses Kind, dieses Wunder der Natur. Tragt es aus und lasst es zur Welt kommen. Ich nehme es. Ich werde es lieben, ich werde es fördern, ich werde es sein lassen, wie es ist. Hauptsache es ist. Hauptsache es lebt. Ich kaufe mir eine Insel, mit einem großen Haus darauf, viel Land, viele Tiere, bunte Blumenwiesen, Schaukeln und große Hüpfkissen. Ich werde nicht alleine sein, bei uns sind viele andere Herzensmenschen, die eure Kinder für euch lieben. Wir laden euch ein. Lebt mit uns, kommt uns besuchen. Erlebt eure Kinder ohne die Last der Verantwortung, ohne Sorgen. Seht, wie sie sind. Verliebt euch in sie. Werdet neidisch auf uns, denn wir dürfen mit diesen wunderbaren Kindern zusammen leben. Es ist nicht immer leicht, es ist manchmal schwer, aber ihr seht das Band zwischen all diesen Herzensmenschen und euren Kindern. Es trägt, es hält viel aus, es gibt Raum. Ihr habt Platz in diesem Bild, ihr gehört dazu. Ihr dürft euer Kind jederzeit zu euch nehmen. Euch eure eigenen Inseln in eurem Alltag bauen. Euch eure Herzensmenschen suchen, die euch und eure Kinder mittragen. Ich geben sie gerne alle wieder her. Gerettet. Geliebt. Gewollt. Im zweiten Anlauf oder im ersten. Das spielt doch keine Rolle.
Wenn ihr erst mal seht, wie wunderbar sie sind, dann wollt ihr eure Kinder sicher ganz schnell zurück haben. Ihr seid vielleicht jetzt schon empört: Die will mein Kind haben? Spinnt die denn? Das ist MEIN Kind! Dann fragt euch doch mal, woher diese Empörung kommt. Da ist doch schon so viel Liebe für dieses kleine Wesen, so viel Trauer um das, was hätte sein können. Es kann sein, es wird sein. Etwas anders als gedacht. Anders schön.
Okay, das klingt nach Sekte, Abtreibungsgegnerin und reichlich naiv. Aber ihr müsst mich verstehen. Ich sehe viele, sehr viele Kinder mit Down Syndrom. Und jedes Mal freue ich mich und jedes Mal sehe ich ihren Schatten. Neun andere Kinder, neun andere Seelchen laufen mit. Neun andere hätten ebenso lachen, toben, spielen können. Da können doch nur die verzweifelsten Ideen entstehen. Was meint ihr? Hätte so eine Idee Erfolg? Würden Frauen sich bereit erklären, Kinder zu bekommen, vor dessen Existenz sie Angst haben? Die Strapazen der Geburt erleben, nur um mir das Kind zu geben? Das Wunder der Geburt erleben, und dann das Kind abgeben können? Warum erscheint das so unwahrscheinlich? Ist es grausamer, als das lebensfähige Kind töten zu lassen? Haben sie vielleicht sogar Angst, das Kind lieb zu haben und wollen es deshalb besser nicht sehen? Ich könnte das verstehen. Nicht immer ist es die Entscheidung der Frau. Es fehlen auch Männer, die Väter von Kindern mit Down Syndrom sein wollen. Auch die müssen auf unsere Insel kommen. Und sehen, was wir wissen. Ein Kind ist ein Kind. Es ist liebenswert. Das Leben ist lebenswert. Egal, mit wie vielen Chromosomen. Es gibt ein Netz, dass euch trägt, Menschen, die euch helfen werden. Aber am meisten hilft, der Blick in die Augen eurer Kinder. Geliebt. Gewollt. Gerettet. Das wünsche ich mir.

Liebe Kathrin, ein toller Text. Ich bewundere, wie du deine Gedanken in Worte fassen kannst. Lille ist ein wundervolles Kind und hat mir in meiner Schwangerschaft vor einem Jahr ganz viel Hoffnung gegeben. Und jetzt hab ich meine genauso wundervolle Mina und bin so dankbar. Und auch stolz, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. ❤️ Auch dank deiner Beiträge auf Instagram.
Alles Liebe für euch,
Anna
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Liebe Anna, das rührt mich so sehr. Mein Herz hüpft und ich gratuliere euch sehr zu eurem kleinen Wunder. Liebe Mina, wie schön, dass du da bist. Wir sind eine große Gemeinschaft von wundervollen Familien. Ich freue mich so sehr die Hilfe, die ich eins erhielt, weitergeben zu können. Alles Liebe sendet Katrin
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Ich mag deine Texte! So wahr!
Ich lese oft in den Foren, wenn jmd sein Nipt Ergebnis erhalten hat: „Jetzt weiß ich, dass mein Kind gesund ist und keine Behinderung hat. Ein behindertes Kind könnte ich nicht!“
Da denke ich mir: Falsch! Du weißt nur, ob dein Kind eine Trisomie hat. Du weißt nicht, ob dein Kind behindert ist. Nur 4% der Behinderungen sind angeboren. Der sicherste Weg, kein behindertes Kind zu bekommen, ist kein Kind zu bekommen.
Wie du sagst: ein Kind ist ein Kind! Der Wert hängt nicht vom Können oder Dingen ab, die man nicht beeinflussen kann.
Mach weiter mit der Aufklärung! Und wenn du auch nur ein Leben rettest, hast du ein ganzes Leben!!
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Vielen lieben Dank für deinen Beitrag. Ich sage manchmal überspitzt: wer es gerne einfach hätte, kauft sich besser einen Goldfisch. 😉
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