Über Menschen mit Down Syndrom berichten

Tim Mälzer kocht im Schwarzwald gemeinsam mit Menschen mit Down Syndrom, Ross Anthony fährt mit ihnen „Down the Road“. Ebenfalls im Schwarzwald. Was will uns das sagen? Im Schwarzwald gibt es besonders viele Menschen mit Trisomie 21? Nein. Erstmal ist bald Oktober und damit beginnt der Down Syndrome Awareness Month. Zum anderen sind Menschen mit Down Syndrom die Elite unter den Geistigbehinderten. Sie gelten als fröhlich, angenehm und sind offenbar sehr vorzeigbar. Und ich bin zynisch. Aber es fällt mir zunehmend schwerer, solchen Formaten offen und positiv zu begegnen. Verstehen wir uns nicht falsch: Mir geht das Herz auf, wenn ich erwachsene Menschen mit Down Syndrom sehe. Ich werde rührselig und weine, denn ich freue mich so auf jeden weiteren Tag mit Lille. Ich kann es kaum erwarten, sie als großes Mädchen zu sehen, als Teenager, junge Frau, mittelalte Frau und als alte Frau. Mal sehen, ob ich das Letztere schaffe. :)) Die Geschichten machen mir alle Mut und zwischendurch auch ein bisschen Angst. Doch was ich mich immer frage: Wie wirken sie auf andere Menschen, Unbeteiligte? Menschen, die eben kein Kind wie Lille haben? Helfen solche Sendungen Abtreibungsquoten zu senken, fördern sie das Miteinander, heben sie Isolation auf oder befeuern sie Klischees? Wie werden Menschen mit Down Syndrom dargestellt?

Eine Antwort auf diese Frage habe ich auch in meiner Abschlussarbeit gesucht. Untersucht hatte ich die Darstellung von Menschen mit Down Syndrom zur Zeit der Einführung des pränatalen Bluttests (NIPT) sowie dessen Zulassung als Kassenleistung von 2012 bis Sommer 2021. Insgesamt hatte ich 152 Artikel von drei großen Leitmedien (FAZ, SZ und taz ) ausgewählt. Hier meine Erkenntnisse in Kurzform und der Grund, warum ich so kritisch bin:

Quantitative Ergebnisse (Dinge, die ich auszählen konnte):

  • 2012 wurde der NIPT (Bluttest auf Trisomien) eingeführt. Das interessierte kaum jemanden. Über Menschen mit Down Syndrom wurde wenig berichtet.
  • Einzelschicksale führten zu gesteigerter Berichterstattung, zum Beispiel über einen Jungen, der bei der Leihmutter gelassen wurde, weil er T21 hat, im Gegensatz zu seinem Zwillingsbruder, den nahmen die Eltern mit nach Hause.
  • 2019 begann die Diskussion um die Zulassung des NIPT als Kassenleistung, in diesem Zusammenhang wird vermehrt über Menschen mit Down Syndrom berichtet, sie gestalten die Berichterstattung lebendiger und werden als Aufhänger für die Artikel über den Bluttest verwendet.
  • Welt-Down-Syndrom-Tag – interessiert die Leitmedien nicht. Von 152 Artikeln erschienen nur zwei an einem 21.03.
  • Wirtschaft – Kein einziger Artikel erschien im Wirtschaftsressort. Haben Menschen mit T21 keinerlei wirtschaftliche Bedeutung, arbeiten sie nicht, konsumieren sie nicht?
  • Viele Artikel erschienen in regionalen Ressorts. Das bestätigt die vielfach kritisierter Verdrängung von Behinderung ins Lokale.
  • Der thematische Schwerpunkt liegt bei allen Medien im Bereich „Psycho-Soziales“. Es geht um skandalöse Vorfälle, Einzelschicksale & Lebensberichte und Elite-Behinderte (Schauspieler, Models, Sportler).
  • Die handelnden Personen in den Artikeln sind: Erwachsene mit Down Syndrom, zweitstärkste Gruppe: Mütter von Kindern mit Down Syndrom, drittstärkste Gruppe: Kinder mit Down Syndrom
  • Alle Artikel erwähnen medizinische Details, die meisten ohne Nennung der Quelle. Woher stammt dieses Wissen? Google, dem Buch „Mongolismus“ von 1963 oder wurde tatsächlich mal ein Mediziner von einer Down-Syndrom-Ambulanz befragt? Vertreter der Gruppe der Ärzte/Ärztinnen, Genetikerinnen, Wissenschaftlerinnen und Pränataldiagnostiker*innen kommen in nur insgesamt 11 Artikeln zu Wort

Qualitative Ergebnisse (Dinge, die ich nach einem Schema interpretiert habe):

  • Die Artikel stellen hauptsächlich „normale Bürger“ mit Down Syndrom vor. Sie gehen zur Schule, sind weder berühmt noch haben sie außergewöhnliche Berufe.
  • Die Protagonisten sind 0-41 Jahre alt, also eher jung. Bei älteren Menschen ergeben sich weniger typische Anlässe zur Berichterstattung (Inklusion, Schule, Berufswahl, selbstständig werden). Mütter, die typischerweise die Interviews führen sind evtl. nicht mehr verfügbar und viele ältere Menschen mit T21leben in Wohnheimen und anderen Einrichtungen, eine Hürde für Journalisten.
  • Menschen mit Down Syndrom werden nicht zu allgemeinen gesellschaftlichen oder politischen Themen befragt.
  • Menschen mit Down-Syndrom kommen kaum zu Wort – andere Personen sprechen über und für sie. Es gibt wenige wörtliche Zitate.
  • Sprachbarrieren werden wenig thematisiert, individuelle Sprache kaum wiedergegeben.
  • Offenbar ist es stellenweise nicht einfach, an den redegewandten Verwandten vorbei, die eigentlichen Hauptakteure/Hauptakteurinnen zu erreichen.
  • Zwei positive Beispiele: „Bellas Welt“ in der FAZ.Net, „Sätze aus Worten, Hefte aus Liebe“FAZ
  • Das Wort Sonnenschein kommt so gut wie gar nicht vor.
  • Menschen mit T21 werden dennoch überwiegend mit positiven Charaktereigenschaften beschrieben, ihre Fröhlichkeit wird in einigen Artikeln stark betont. Wollen Eltern dem negativen Image besonders positive Schilderungen entgegensetzen? War das Lächeln die einzig berichtenswerte Kommunikation zwischen Journalist und Protagonist?
  • Die taz-Journalistinnen Cigdem Akyol und Birte Müller sind selbst Angehörige von Menschen mit Down Syndrom (Schwester/ Mutter). Sie sagen, was ist. Trauen sich andere Journalisten nicht behinderte Menschen auch mal als „nervig oder sonst wie negative bis neutral“ zu bezeichnen?
  • 50 Prozent der Artikel beschreiben gar keine Charaktereigenschaften, in ihnen werden lediglich Fähigkeiten aufgezählt. Dies scheint im Zusammenhang mit Behinderung typisch: „Ist 5 Jahre kann nicht laufen, sprechen, usw.“ oder „Hat Down Syndrom kann aber fließend Englisch, Ski fahren und Makramee Knoten mit dem kleinen Zeh knüpfen“.
  • Entwicklungsverzögerungen sind Thema bei Kindern und Erwachsenen. Bei welchem anderen Erwachsenen würde erwähnt werden, wann er laufen konnte? Das steht in keinem Lebenslauf.
  • Körperliche Merkmale führen die Artikel ausführlich und stereotyp auf. Am häufigsten genannt: geringe Körpergröße & schräge Lidachse, diese Tatsachen haben keinen echten Informationswert. Weder Körpergröße noch Lidachse haben einen Krankheitswert oder schränken die Menschen ein.
  • Keine typischen Merkmale? Auch das bleibt nicht unerwähnt.
  • Diese Konzentration auf körperliche Merkmale ist erschreckend. (Ausnahme: taz)
  • Die meisten Akteure/Akteurinnen verfügen über einen Schulabschluss und absolvieren eine Ausbildung, sie suchen nach abwechslungsreichen Beschäftigungsmöglichkeiten. Viele arbeiten dennoch in einer Werkstatt, einige haben individuelle Beschäftigungsmöglichkeiten gefunden.
  • Das Thema Sexualität wird in nur einem Artikel erwähnt.
  • Das Thema Barrierefreiheit spielt in der Berichterstattung keine große Rolle. Viele Menschen mit Down-Syndrom sind aber zum Beispiel auf Texte in leichter Sprache angewiesen.
  • Viele Beiträge zeigen Akteure/Akteurinnen, die einen Hilfebedarf haben, es sind aber Ansätze zu erkennen, Menschen mit Down-Syndrom als beste Fachleute für sich selbst zu präsentieren.

Bevor ich mein Schema zur Inhaltsanalyse entwickelt hatte, empfand ich die meisten Artikel als unkritisch. Was sollte denn daran verkehrt sein? Dank der Kategorien hatte ich eine sehr scharfe Brille auf und plötzlich fielen mir Widersprüche auf, ergaben sich Fragen, ich konnte Häufungen erkennen. Warum werden die körperlichen Merkmale so ausführlich beschrieben? Sie spielen in Bezug auf die Person absolut keine Rolle! Wie ist es möglich, dass so viele Artikel über Menschen mit Down Syndrom erscheinen, ohne dass diese selbst zu Wort kommen!?

Meine wichtigste Regel

„Frau mit roten Haaren läuft Marathon“ Ist das eine Nachricht? Nein.

„Frau mit Down Syndrom läuft Marathon“ Ist das eine Nachricht? Viele Journalisten sagen: Ja.

Warum? Weil wir es der Frau mit Down Syndrom nicht zugetraut haben? Weil wir glauben, etwas über die körperliche Verfassung von Menschen mit T21 zu wissen, und zwar von ALLEN, und das DAS können DIE doch üblicherweise nicht, oder? Ich frage mich bei allen Artikeln über Menschen mit Down Syndrom: Wäre es berichtenswert, wenn die Person kein Down Syndrom hätte? Warum müssen wir Sondersendungen zum Down Syndrom haben? Können Menschen mit T21 nicht einfach überall, wo es etwas zu berichten gibt, auftauchen? Können Sie nicht etwas über die Fußball WM sagen, zum Gaspreisdeckel und zur Klimakrise? Dann wären „sie“ auch präsent, in respektabler Art und Weise. Dann braucht es keine Sonderformate mehr, in denen nur über die schönen Seiten gesprochen wird. Denn Menschen mit Down Syndrom leben in einem furchtbaren Spannungsfeld zwischen Abtreibungsgrund und Sonnenschein-Stereotyp. By the way, machen wir gesellschaftlich so weiter, ist es sowieso bald zappenduster. Nicht mal im Schwarzwald werdet ihr dann noch Protagonisten mit Down Syndrom für eure TV-Formate finden. Die sterben nämlich gerade aus. Dem Bluttest sei Dank.

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